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Stehe still und sammle dich

„Was machen Sie, wenn Sie da drin sind und sich plötzlich nicht mehr orientierenkönnen, wenn Sie
Panik kriegen?“

Ich bin auf einer Fortbildung. Eine Woche geht es intensiv um alle Fragen und Belange der Notfall-seelsorge. Gerade stehen wir im Keller der Berufsfeuerwehr Osnabrück. Hier müssen die  Feuer-wehrleute regelmäßig den Nachweis über ihre körperliche Belastbarkeit erbringen. Ein Teil des Tests besteht darin, in voller Montur, also in Schutzanzug und Atemschutzausrüstung, den Weg durch einen verwinkelten Parcours zu finden. Der Parcours besteht aus zwei Ebenen. Man kann darin nicht stehen. Krabbeln, Robben und Rutschen – das geht und alles drei ist vonnöten. Dabei muss man immer wieder herausfinden, auf welche Art und in welche Richtung sich die Gitter bewegen lassen, die die einzelnen Teile des Parcours voneinander trennen. Der Ernstfall wird simuliert, indem der Raum verdunkelt und mit dichtem Rauch gefüllt wird.

„Was machen Sie, wenn Sie da drin sind – was machen Sie, wenn Sie in einem Einsatz sind und plötzlich die Orientierung verlieren?“, fragt einer der Teilnehmer unseres Kurses. Der Feuerwehrmann, der uns an diesem Vormittag begleitet, ist einsatzerfahren und schon einige Jahre dabei: „Ich bin bei der Feuerwehr, seit ich 10 bin“, sagt er. „Ein Satz begleitet mich von da an bis heute: Stehe still und sammle dich.“

„Stehe still und sammle dich.“ Der Feuerwehrmann spricht diese für ihn überlebenswichtigen Worte ohne zu zögern ganz ruhig, ganz klar und sehr deutlich. Und noch indem er spricht, breitet sich eine große Ruhe im Raum aus. Ich bin wie vom Donner gerührt und schaue den Feuerwehrmann mit großen Augen an. Seine Worte erinnern mich an Worte, die ich aus einem ganz anderen Zusammenhang kenne. Sie erinnern mich an die Weisheit der großen christlichen Mystiker. Diese wussten quer durch alle Zeiten von der Kraft der Stille und Sammlung. Bis heute weisen sie unentwegt und unbeirrt darauf hin: Im Stillesein, im Sammeln der Sinne steckt das Potential, die Realität zu bewältigen. Sie stellen sich dabei in die Tradition Jesu Christi. Immer wieder hat er sich zurückgezogen in die Stille – um sich zu sammeln.

„Stehe still und sammle dich.“ Mein Leben ist viel, viel ungefährlicher als das eines Feuerwehrmannes oder einer Feuerwehrfrau. Unser Alltag lässt sich nicht vergleichen. Und dennoch kann sich die Wahrheit und Kraft der Worte des Feuerwehrmannes auch in meinem Leben entfalten. Allein dadurch, dass ich mich an sie erinnere. Wie oft reagiere ich auf äußeres Chaos mit innerem Chaos? Und vergesse dabei, dass das Stillesein und sich Sammeln auch eine Möglichkeit ist? Völlig unerwartet wurde mir so beim Besuch der Feuerwehr Osnabrück ein Feuerwehrmann zum Lehrer. Zum geistlichen Lehrer.

„Stehe still und sammle dich.“ Neben einer großen Hochachtung vor dem Dienst der Feuerwehrleute ist es dieser Satz, den ich vom Besuch auf der Wache mitgenommen habe. Und bewahren werde. Vielen Dank!

Ihre Pastorin                                                                                                                                             Eva Gotthold