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Maria, was suchen wir?

Nur selten kommt meine Familie komplett zusammen. Zu großen Festen oder einmal in den Sommermonaten vielleicht. Wenn dann aber schließlich alle um den großen rechteckigen Tisch im Esszimmer meiner Eltern versammelt sind, bleibt man nach den Mahlzeiten gerne sitzen und erzählt sich alte und neue Geschichten. Zu meinen Favoriten gehören die Anekdoten von Tante Anna und Tante Maria, zweier schwäbischer Urgesteine, die ihr gesamtes Leben auf der Alb verbrachten.

Eines Tages, so eine der Geschichten, macht sich Anna auf den Weg zu Maria, um sie zu einer gemeinsamen Unternehmung abzuholen. Maria öffnet, beschuht und bemantelt, ausgehfertig – aber dennoch nicht startklar: Das Portemonnaie ist verschwunden. Anna bietet ihre Hilfe an, und so kommt es, dass sich die beiden alten Damen mit vereinten Kräften der Suche nach dem verlorenen Geldbeutel widmen. Nach unbestimmter Zeit emsiger, aber erfolgloser Bemühungen ergreift Anna das Wort: „Maria, was suchen wir eigentlich?“

Diese Episode ist für mich eines der treffendsten Bilder für das Lebensgefühl in der Adventszeit. Alle sind unglaublich beschäftigt, beschäftigter als sonst sogar. Aber bis auf die Tatsache, dass am 24. Dezember Weihnachten ist, weiß keiner so genau, warum. Der Grund für die vielen Advents- und Weihnachtsfeiern,
Einkäufe und Vorbereitungen gerät ebenso leicht in Vergessenheit wie bei Tante Anna das Ziel der Suche.

Zugegeben: Der Grund von Tante Annas Suche lässt sich weitaus einfacher benennen als der Grund der alljährlichen adventlichen Betriebsamkeit. Ein Geldbeutel ist doch greifbarer als die Menschwerdung Gottes. Dennoch ist Advent Jahr für Jahr die Vorbereitung auf die Feier dieser Sensation. Obwohl sich der  Überraschungseffekt im Laufe von rund 2000 Jahren etwas abgeschliffen hat, hat sich an der Sache nichts geändert. Der Grund für Advent und Weihnachten ist Gott. Gott, dessen Wunsch nach Nähe zu den
Menschen so groß ist, dass er beschließt, selbst einer zu werden.

Tante Annas Suche ohne Ziel verlor mit der Zeit ihren Reiz. Ebenso kann die schöne und emsige Betriebsamkeit der Adventszeit in Dauerstress umschlagen, wenn man nicht ab und zu einen Blick auf ihren Grund, auf den Zauber des Weihnachtsfestes erhaschen kann: auf die Ankunft Gottes auf Erden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Advents- und Weihnachtszeit!

Ihre Pastorin
Eva Gotthold