AktuellesKirchengemeindeAktivitätenFlüchtlingshilfe

Die Pole des Lebens

Ich bin eine große Freundin des Kirchenjahrs. Es erinnert mich daran, dass hinter der unaufhörlichen Abfolge von Tagen, Wochen und Monaten noch eine tiefere Ebene liegt: Unsere Zeit ist eingebunden in einen größeren Zusammenhang. In den Zusammenhang dessen, der sie erschuf. Das Kirchenjahr gibt mir die Möglichkeit, mein Leben nicht nur als eine Aneinanderreihung von Tagen zu sehen, sondern es mit Gott und seiner Geschichte zu verknüpfen.

Momentan befinden wir uns im Osterfestkreis. Er umfasst alle Facetten menschlichen Lebens. In ihm sind die Pole, zwischen denen sich unser Leben abspielt, zusammengebunden: Hoffnung und Verzweiflung, Freundschaft und Einsamkeit, Leben und Tod.

Seine besondere innere Kraft bezieht der Osterfestkreis aus dem Karfreitag. Karfreitag – ein Tag wie kein anderer im Jahr. Ein Tag des kompletten Stillstandes, ein Tag, an dem die Musik erstirbt, sich Totenstille ausbreitet, die Zeit erstarrt. Der Karfreitag gibt mir Raum, im Anblick des gekreuzigten Jesus von Nazareth die Dinge zu betrachten, an denen ich sonst gerne vorbeischaue: die Abgründe meines Lebens und die des Lebens der Welt.

An Karfreitag gehe ich nicht sofort zum Alltag über und wische das Übel sofort wieder weg. Ich sehe es an, halte es aus, betrauere es.

Die Flamme einer Kerze erhellt das in völliger Dunkelheit liegende Kirchenschiff. Eine Stimme beginnt zu singen, die Stille beginnt zu klingen: Christ ist erstanden! Wenig später ist die Kirche erfüllt von Lichtern und Gesang. Auch ich singe: Christ ist erstanden von der Marter alle. Des solln wir alle froh sein; Christ will unser Trost sein. Kyrieleis. Aus der dichtesten Gegenwart des Todes entsteht Leben. Jede Osternacht macht das für unsere Augen sicht- und unsere Ohren hörbar.

Auf dem Weg durch den Osterfestkreis begegne ich den Polen des Lebens. An Karfreitag werde ich konfrontiert mit seinen Abgründen und kann ihnen ins Gesicht sehen. In der Osternacht führt der Weg durch das Dunkel zur Erkenntnis: Nicht diese Abgründe bestimmen mein Leben, sondern das Leben des auferstandenen Jesus Christus.

Ihre Pastorin
Eva Gotthold